Von Angstschweiß durchnässt schrak Arthur hoch. Die Bettdecke klebte noch an seiner Haut. Selten konnte er eine Nacht ruhigen Schlafes durchstehen, denn qualänd drangen diese Worte immerzu in sein Ohr seit er sie als kleiner Junge gehört hatte. Damals..2003. Da war er gerade mal sieben Jahre alt gewesen.
Er war allein gewesen. Seine Eltern feierten ihren Hochzeitstag und fuhren daher zu ihrer Ferienwohnung am See, wo Arthur so gern mit seinem Vater angelte. Doch an besagtem Tag ging es Arthur nicht gut. Er hatte ein sehr schlechtes Gefühl. Irgendetwas war da. Um sich abzulenken streifte sein Auge durch den CD Schrank seines Vaters. Bei einem düsteren Cover blieb er hängen. “G-a-b-r-i-e-l B-u-r-n-s” las der Kleine langsam. Diese schauderhafte CD löste einen unerklärlichen Reiz auf ihn aus. Er schob sie in den teuren CD Player im Wohnzimmer und legte sich gemütlich auf die Couch. Und da schallten die Worte, die er bis heute nicht vergessen konnte, zum ersten mal an sein Ohr. Langsam, aber eindringlich, so dass er sie nie aus seinem Kopf verbannen konnte und jede Nacht seines Lebens davon träumte. Es musste mehr daran sein, als nur ein Hörspiel zur kurzweiligen Unterhaltung. Arthur fühlte “Wahrheit”. Er schien eine seltsame Gabe zu besitzen, denn schon immer konnte er zwischen Wahrheit und Falschem unterscheiden. Wahrheiten gaben ihm ein Gefühl der Genugtuung, während Falsches Übelkeit in ihm hervorrief. Diese Worte...waren wahr. Sie würden noch eine tiefe Bedeutung haben. In einer fernen Zukunft, jedoch nicht so fern, als dass er sie nicht eines Tages erlebte.
Arthur fürchtete sich davor. Obwohl er die Wahrheit erkannte, machte sich in ihm mehr und mehr ein Gefühl von Angst breit. Nicht nur Angst, nein auch Verzweiflung pochte in seinem Inneren. Etwas Schlimmes sei geschehen, hatte die Nachbarin gesagt, als sie ihn wenige Stunden später weckte. Anscheinend war Arthur auf dem Sofa eingeschlafen. Der CD Spieler lief noch immer in der Dauerschleife und während die Nachbarin versuchte ihn zu beruhigen, hörte Arthur im Hintergrund abermals die Worte, die ihn bis heute verfolgten...
“Arthur...du musst jetzt ganz tapfer sein. Deine Mami und dein Papi sind heute zum See gefahren. Dabei hatten sie einen Unfall. Ein riesiger LKW ist von der Spur abgekommen und hat ihr Auto frontal erwischt.”
Stille... Paralysiert starrte Arthur auf die leuchtend weiße Wand vor ihm. Sie schien sich zusehends zu verdunkeln, bis ihn schließlich nur noch ein tiefes Schwarz umgab. Er fühlte sich verloren.
Die Stimme der Nachbarin brachte ihn zurück in die Realität: “Sie waren sofort...tot. Sei jetzt bitte ganz stark...Ich bin mir sicher, dass sie in den Himmel kommen und immer bei dir sein werden. Du wirst sie irgendwann wiedersehen”.
Die letzten Worte sollten ihn wohl beruhigen, doch sie erzielten vielmehr den gegenteiligen Effekt. Arthur wünschte sich nun nichts sehnlicher als den Tod. Doch er hatte Angst. Angst vor dem Schmerz, Angst vor dem danach, Angst vor dem Unbekannten. Der Schmerz den er hier auf der Erde spührte war stark, doch im Tode fürchtete er etwas noch grausameres.
Schon in diesem frühen Stadium seines Leben musste Arthur solch eine schreckliche Erfahrung mit dem Tod machen. Es sollte nicht die letzte sein.
Lang bemühte er sich, damit fertigzuwerden, doch nie überwand er das frühzeitige Ableben seiner Eltern. Ein Andenken wollte er sich an sie bewahren, einen Teil ihres Körpers. Und so entschied er sich jeweils für eine Strähne der Haare, die er unbemerkt abschnitt und von da an gut versteckte...
Einige Jahre später ließ er sich ein kostbares Medaillon anfertigen, in welches diese Haarsträhnen eingearbeitet wurden. Nie wollte er seine geliebten Eltern vergessen und in alle Ewigkeit einen Teil von ihnen mit sich tragen. In den Deckel des Medaillons ließ er die Worte gravieren, die er nun als sein Schicksal ansah, die ihn verfolgten.
Arthur führte ein bescheidenes Leben. Er war ein ängstlicher Mensch. Nicht in der Lage Entscheidungen zu treffen, geschweige denn zu befehlen oder zu organisieren... sein Leben drohte ihm zu entgleiten. Letztlich schrieb er sich beim Militär ein. Jedoch nicht, weil dies sein Wunsch war, sondern weil ihm der Antrieb fehlte, sich um etwas anderes zu bemühen oder sich zu begeistern. Es war die letzte Wahl, aus Mangel an Alternativen. Er war gut erzogen worden, seine Pflegeeltern hatten sich alle Mühe gegeben, doch Arthur konnte den frühen Verlust seiner leiblichen Eltern nie überwinden. In der Schule war er immer guter Durchschnitt. Er fiel nicht auf, weder besonders positiv, noch negativ. Freunde kannte Arthur nicht. Er war immer allein gewesen. Zu sonderbar hatten die andern ihn empfunden. “Spiel nicht mit dem Jungen!”, hatte einmal eine Mutter ihr Kind angeschrien, als es zusammen mit Arthur Verstecken spielen wollte. Da war er zehn gewesen, doch Gerüchte verbreiten bekanntlich sich schneller als das Licht. Und so war Arthur weithin als Sonderling bekannt, von dem sich jeder fernhielt. Über die Gründe seines Verhaltens wurden die wildesten Spekulationen angesetzt, doch vom Tode seiner leiblichen Eltern wusste niemand etwas. Die Pflegeeltern waren neu in den Ort gezogen nachdem sie Arthur adoptiert hatten. Der Junge selbst redete nie über das, was damals geschah.
Das Militär passte ihm aber in mehrfacher Hinsicht gut. Hier brauchte er selbst nicht die Initiative ergreifen. Ihm wurde gesagt, was er zu tun hatte und jeder war mit ihm zufrieden, wenn er nur Befehle befolgte und keine Fragen stellte. Und auch wenn es sonderbar klingen mag: Arthur fühlte eine gewisse Form von Geborgenheit. Die Soldaten, die Uniformen, die Waffen, das alles gab ihm Sicherheit, vertrieb seine Angst. Da sein Heimatort an der Küste lag, bewarb er sich bei der Marine.
Im Sommer 2030 wurde er der Besatzung eines U-Bootes zugewiesen. Im Zuge des weltweiten Wettrüstens konnte es sich keine große Nation mehr erlauben auf dergleichen Technologie zu verzichten und so unterstützen die Amerikaner den gesamten Westen Europas, mit dem netten Nebeneffekt einer boomenden Rüstungsindustrie. Auch Deutschland durfte nach den Verhandlungen von Brüssel 2023 wieder uneingeschränkt rüsten, denn die Amerikaner wollten nicht auf das strategisch wichtige Westeuropa verzichten, ihrem “Hafen zum Eurasischen Kontinent”. Nach dem Putsch von 2025 wurde Deutschland wieder zur Monarchie, unter Führung eines preußischen Kaisers. Weltpolitisch hatte dieses jedoch keine größeren Auswirkungen, denn dieser hielt am außenpolitischen Kurs der ehemaligen Demokratie fest und konnte so seine Herrschaft festigen und jeglichen Versuchen der alten Parteien, ihn abzusetzen, entgegenwirken. Das Militär übernahm die Herrschaft und regierte fortan das Land.
Ähnliche Entwicklungen spielten sich in allen Teilen der Welt ab. Rechte Gruppierungen erhielten enormen Zuwachs und wurden die stärksten Parteien der Staaten in denen die Demokratien oder konstitutionellen Monarchien nicht wieder zu echten Monarchien zurückgeführt wurden, wo ein Herrscher mit eiserner Hand regierte. Persönliche Freiheiten und Individualität wurden immer weiter zurückgedrängt, totale Überwachung und Kontrolle zur angeblichen Sicherheit der Allgemeinheit vorgetrieben, so dass sie den Alltag eines jeden bestimmen. Meinungs-, Rede- und Pressefreiheit sind seit den 20er Jahren des 21ten Jahrhunderts Wörter, die der Vergangenheit angehören. Staatliche Kontrolle und Organisation, straffe Planung, vollständige Überwachung, Effizienz und Leistung um allen Preis und die Abschaffung jeglichen Ballastes, so lässt sich das Leben in den Jahren danach beschreiben.
Das U-Boot ‘Gerhard Schröder’, benannt nach dem Mann, der als Kanzler des damals demokratischen Deutschlands 2005 einen neuen Wirtschaftsaufschwung eingeleitet hatte, war nun Arthurs Zuhause. Es bot den neuesten Stand der Technik und war für alles gewappnet. Angetrieben mit einem modernen Fusionsreaktor konnte es jahrelang unterwegs sein und auch das Waffenarsenal war durchaus ansehlich.
Während sich die weltpolitische Lage, ähnlich den Zeiten des Kalten Krieges, zuspitzte, lebte Arthur einfach vor sich hin. Es geschah nichts außergewöhnliches in seinem Leben - bis zum Jahre 2053.
Am 12.7. war es zur Zündung einer Atombombe gekommen. Die rein logische Konsequenz der Jahre des erneuten Wettrüstens.
Natürlich waren alle Militärs in höchster Alarmbereitschaft, doch die ‘Gerhard Schröder’ lag gerade zu Wartungsarbeiten im Dock, der Großteil der Besatzung befand sich außerhalb des U-Bootes, als plötzlich die Sirenen aufheulten. Ein wahnsinnig lauter und nervenzerreißender Ton, den einfach niemand überhören konnte warnte vor dem Ernstfall. Überall leuchteten rote Lampen und spiegelten die Dringlichkeit der Situation wieder.
Es war soweit, die ersten Atomraketen waren gestartet worden. Mittlerweile weiß man, das wahrscheinlich ein Computerfehler im automatischen Verteidigungssystem der Amerikaner den ersten Schritt tat und nicht die eskalierende Situation bei Kairo. Die Reaktion der Russen und Chinesen folgte prompt. Im Nu war es zu spät, das Missverständnis aufzuklären, das Ende der Welt, wie wir sie kannten, hatte begonnen.
Wahnsinnig vor Angst hastete Arthur zum U-Boot. In die Luke, abtauchen, nichts anderes konnte er mehr denken. Es waren nur noch wenige hundert Meter, doch Arthur sah bereits, wie das U-Boot zum Tauchen ansetzte. Noch war die Luke offen und die letzten Besatzungsmitglieder, die in Reichweite waren, stiegen ein.
Arthur rannte...Er rannte um sein Leben. nur noch wenige Zentimeter trennten das U-Boot von der Wasseroberfläche. Der Soldat an der Luke war kurz davor diese zu schließen, bis er Arthur sah. Dieser brüllte noch “WAAARTEEEE”, doch im gleichen Moment vernahm er vom Boote aus den Befehl “SCHLIEßT ENDLICH DIE LUKE, ABTAUCHEN!!”. War nun alle Hoffnung verloren? Arthur wollte noch nicht sterben, noch nicht. Obwohl er diesen Wunsch lange gehegt hatte, war seine Furcht noch nicht verblasst. Mit aller Kraft stürmte er voran, auf die Luke zu. Der Soldat schien sich dem Befehl zu widersetzen und hielt sie noch immer auf. Ein Schwall von Wasser schoss bereits in das Boot, doch Arthur war lediglich wenige Meter entfernt. Noch zehn Schritte...acht..er würde es nicht schaffen...und da..sprang er. Mit einem wuchtigen Hechtsprung flog er in Richtung Boot - und prallte hart gegen das Metall. Arthur verlor das Bewusstsein.
Einige Minuten später kam er wieder zu sich. War er tot? War dies der Himmel? Nein, das konnte nicht sein, dazu war es hier zu düster. Noch war seine Sicht vernebelt und seine Ohren voller Wasser, doch langsam wurde das Bild klarer. Er war...im U-Boot. Er hatte es geschafft! Glück erfüllte sein Inneres, bis er die scharfe Stimme des Kapitäns vernahm: “Aufstehen Leutnant! Wir brauchen jeden Mann!” Arthur tat sein Bestes und kam torkelnd auf die Beine. “So ist es richtig. Ihr Schädel wird ziemlich dröhnen, aber da müssen sie durch. Der Kopfsprung in die Luke hat sie überleben lassen, der Aufprall ist der Preis, den sie dafür zahlen müssen. Und nun in den Maschinenraum, dort wird Hilfe benötigt.” Arthur tat, wie ihm befohlen und nachdem alle dringenden Arbeiten erledigt waren, kam er endlich dazu mit dem Soldaten zu sprechen, der die Luke aufgehalten hatte.
“Ich muss mich bei dir bedanken...”, sagte Arthur nachdenklich. “Ach, keine Ursache, das hättest du auch für mich getan”, entgegnete der noch unbekannte Soldat. “Hmm ich weiß nicht...hast du Ärger bekommen?” “Ja...der Kapitän war ziemlich sauer. Er sagte, dass er mich dafür bei normalen Bedingungen vor Gericht stellte, doch die neue Situation erfordere ein anderes Vorgehen. Er brauche uns alle. Es scheint als säßen wir tiefer in der Klemme als vermutet...Dort oben”, er wies mit dem Finger an die Decke des Bootes - Arthur wusste natürlich, dass er die Wasseroberfläche meinte, “ist jetzt die Hölle los. Da wird nicht mehr viel übrigbleiben. Achja und es scheint als hätten wir ein ziemlich hohes Tier an Bord, daher wollte der Kapitän so schnell abtauchen, um dessen Sicherheit nicht zu gefährden.” “Achja, wen denn?”, fragte Arthur. “Admiral von Rüden, der ranghöchste Offizier der gesamten deutschen Marine.” “Oha..und dessen Leben habe ich riskiert, um meines zu retten...Das Schicksal des Todes verfolgt mich...” “Ahhhjaaaa...nun gut, ich habe noch einiges zu tun. Bleib am Leben, wir brauchen dich.” “Hmm....”
Arthur hatte völlig vergessen den Soldaten nach seinem Namen zu fragen. Aber was spielte das schon für eine Rolle? Sie hatten nun sowieso keine Zeit mehr für Privatangelegenheiten.
Hart war die Umstellung an die neuen Gegebenheiten. Es fiel Arthur sehr schwer damit fertigzuwerden, dass der größte Teil der Besatzung, Männer die ihm nahestanden, ja, vielleicht sogar Freunde, wohl alle umgekommen waren. An Deck gab es jede Menge Arbeit, Karten mussten analysiert und diskutiert werden, Routen geplant, weiteres Vorgehen durchgesprochen, doch diese Arbeiten waren Aufgabe der obersten Offiziere des Schiffes. Arthur überwachte die Waffensysteme des U-Bootes und sorgte dafür, dass diese einsatzbereit waren. Seinen unbekannten Retter hatte er bislang noch nicht wiedergesehen. Wo mochte er bloß sein? So groß war das Schiff ja auch wieder nicht.
Abermals hatte der Tod Arthur also verschont, obwohl 99% der Weltbevölkerung ihm zum Opfer fielen, so lauteten die Berichte, die bisher auf der ‘Gerhard Schröder’ eingegangen waren.
Die gesamte Erdoberfläche war verstrahlt, ein Auftauchen absolut unmöglich.
Arthur überlegte, wie es weitergehen mag. Noch hatten sie Vorräte, Energie und Munition für einige Monate, vielleicht sogar Jahre. Aber das würde nicht einmal reichen, um die Halbwertszeit der radioaktiven Strahlung zu überstehen. Er hatte Angst vor der Zukunft und versuchte mit aller Macht die Gedanken daran zu verbannen. Hier unter Wasser fühlte er die Macht der Natur. Alles kam ihm so alt und mächtig vor, stark und unantastbar. Ein altes verborgenes Reich, in das selbst der Mensch noch immer nicht vollständig vorgedrungen war. Voller Erfurcht blickte er aus dem Bullauge in die Weiten des Ozeans.
Der Admiral hatte die Leitung an Board des U-Bootes übernommen und befahl Kurs auf eine Unterwasserbasis im westlichen Mittelmeer, an der Küste des ehemaligen Spaniens, zu nehmen. Die ‘Alpha-Kolonie’ wurde diese Siedlung genannt. Ich bin sehr gespannt, wer es noch alles geschafft hat, dorthin zu fliehen. Ob es dort Russen oder Chinesen gab? Arthur hoffte inständig, dass kriegerische Auseinandersetzungen in Zukunft vermieden werden könnten, aber er glaubte selbst nicht daran. Die Menschheit war zu schlecht.
Wenige Tage später trafen sie dann in der Alpha-Kolonie ein. Was sie sahen löste Betroffenheit und Angst in ihnen aus: Vor ihnen lagen die Trümmer einer völlig zerstörten Basis. Menschliche Skelette waren an verschiedenen Stellen zu erkennen, oft von Trümmern und Schutt begraben. Der Tod hatte erneut zugeschlagen.
Eine Kuppel schien allerdingsnoch halbwegs intakt zu sein und wenig später dockte das deutsche U-Boot dort an. Ein Stoßtrupp unter Arthurs Leitung wurde ausgesandt, die Überreste der Basis zu untersuchen. Arthur fühlte sich sichtlich unwohl in dieser Position, doch er bemühte sich, dies so gut es ging zu verbergen.
Die fünf Mitglieder des Trupps gingen vorsichtig durch den Andockschlauch, der mit der Außenluke der Kuppel befestigt war. Sie trugen spezielle Tauchanzüge, die selbst den Druck dieser Tiefe aushielten und waren bewaffnet. Von Board der ‘Gerhard Schröder’ entriegelte der Sicherheitsspezialist über das Computersystem der Basis die Verriegelung der Luke und gerade als Arthurs Trupp diese erreichte, öffnete sie sich knarrend.
Ihnen bot sich ein schrecklicher Anblick.
Die entsetzlich entstellten Leichen von vier einst menschlichen Wesen lagen verteilt in dem 25 Quadratmeter großen Raum. Übelkeit überkam die Soldaten und zwei von ihnen mussten sich übergeben. Ein durchaus riskantes Unterfangen in einem Tauchanzug mit geschlossenem Helm - ein Ersticken war nicht ausgeschlossen. Ohne zu überlegen, ob dort überhaupt Sauerstoff war, riss sich sogleich einer der beiden den Helm ab - und er konnte atmen. Sofort folgten die andern seinem Beispiel. Abermals überkam sie ein Brechreiz, denn die Luft roch ekelerregend nach Verwesung und Fäule.
Verwirrend... Der Angriff oder was auch immer hier stattgefunden hatte, konnte noch nicht lang her sein. Doch wieso waren die Körper draussen dann bis auf das Skelett verwest? Und was zum Teufel war mit den vier Leichen hier in der Kuppel geschehen?
Arthur beugte sich über einen der toten Körper. Dieser saß noch immer in einem Sessel und es erweckte den Eindruck, als sei dies der Kommandant der Basis gewesen. Doch es gab keine Anzeichen eines fremden Einwirkens. Keine Schusslöcher, keine Schnitt- oder Stichwunden, keine Druckstellen an den üblichen Körperteilen. Die Fingernägel des Toten war blutverkrustet und teilweise abgebrochen. Nun sah Arthur auch warum: Auf dem Tisch vor ihm waren eindeutig Kratzspuren zu sehen. Als hätte sich das Opfer dort verzweifelt festgeklammert, hätte die Nägel in den Tisch gehauen und wäre dann zurückgezogen worden. Doch die Spuren der beiden Hände liefen auseinander und die Kratzspuren waren zu flach für eine seitliche Lage. Es musste im Sitzen passiert sein. Was war hier geschehen? Da fiel Arthurs Blick auf das Gesicht des Toten. Von der Schläfe bis zum Kinn waren tiefe Kratzwunden auf beiden Seiten des Gesichtes. Wohl von seinen eigenen Fingernägeln. Die Augen waren völlig zerdrückt und quollen langsam in einem ekligen Brei aus ihren Höhlen. Büschel von Haaren waren überall auf dem Boden verteilt. Welcher Teufel konnte diesen armen Menschen dazu bringen, sich selbst so zu verstümmeln?
Die anderen drei Leichen sahen nicht sonderlich anders aus. Alle prägten dieselben Merkmale der Verstümmelung - eine eindeutige Todesursache oder Fremdeinwirkung war nicht zu erkennen.
Auch etwas anderes war sonderbar. Alle Einrichtungsgegenstände standen dort noch immer völlig normal, als sei nichts geschehen. Selbst die halbvolle Kaffeetasse auf dem Tisch des Kommandanten war noch unangetastet.
Wahrscheinlich hatten die vier sich selbst so grausam zugerichtet bevor sie eines unerklärlichen Todes starben... Der Arzt würde die Ursache mit Sicherheit herausfinden können. Arthur ließ die Leichen an Bord der ‘Gerhard Schröder’ transportieren und untersuchte derweil den Raum. “Nichts außergewöhnliches...”, sagte er leise. In der Ecke des Raums fand er einen Behälter mit holographischen Speichermedien. “Interessant”, wisperte er. Dies war die Wissensdatenbank der Basis gewesen. Informationen verschiedenster Art, über die Systeme der Basen, Waffentechnologien und Lebensmittelproduktion. Dies würde ihnen sehr nützlich sein. Dann fiel sein Blick auf eine kleien Schublade unter dem Tisch des Kommandanten. Ein Foto, zwei kleine Bücher betitelt mit “Mein Tagebuch” und “Das Dunkel”, eine antike Digitalarmbanduhr und eine Pistole befanden sich darin. Ein weiteres Indiz, dass die Leute ohne Ausübung fremder Gewalt gestorben waren - sonst hätte der Kommandant mit Sicherheit zur Pistole gegriffen. Auf dem Foto waren ein junger Mann und eine hübsche Frau zu sehen, die Rückseite nannte ihm das Datum an dem es geschossen wurde: 30.7.2053. Arthur vermutete, dass es den Kommandaten und seine Freundin zeigte. War sie eines der anderen Opfer hier? Oder gar eines der Skelette draußen? Die Stimme das Admirals ertönte über Funk und riss ihn aus seinen Gedanken: “Leutnant, haben sie etwas gefunden?” Arthur antwortete: “Ja Sir, hier liegen vier..verstümmelte Leichen. Wir werden sie an Board unseres Bootes bringen, damit der Schiffsarzt sie untersuchen kann. Ich schaue mir im Moment den Raum genauer an, hier sind ein paar Dinge, die sie interessieren werden.”
Arthur machte sich auf den Weg zurück auf die ‘Gerhard Schröder’. Der Titel des zweiten Buches ging ihm nicht aus dem Kopf. “Das Dunkel”.. Er musste dieses Buch lesen, in Ruhe und allein. Er würde es seinen Vorgesetzten verheimlichen. Arthur steckte es in die Innentasche seiner Uniformjacke und ging an Board des U-Bootes.
Zurück auf dem deutschen Boot präsentierte er dem Admiral die Fundstücke. Besonderes Aufsehen erregte das Tagebuch. Sogleich wurde es digitalisiert und in die Schiffsdatenbank eingespeist. Der Admiral wies alle Soldaten bis auf den Offiziersstab an, den Raum zu verlassen. Arthur wollte ebenfalls gerade gehen, als er die Stimme des Admirals vernahm: “Sie können hierbleiben Leutnant, wir werden ihre Dienste weiter benötigen und sie sollen eingeweiht sein, um was es geht.” Erstaunt und erfürchtig drehte sich Arthur um und ging zurück zum Kontrolltisch der Offiziere, auf dem eine holografische Karte der Alpha-Kolonien erschien. Arthur war verblüfft, wie viel Leben dort erkennbar war. “Hel, Fundstück #X03A vorlesen, bitte”, ordnete der Admiral an. Die freundliche Frauenstimme des Boardcomputers ertönte:
“Name: Peter Abdeo Alter: 23
Staatsangehörigkeit: Finne Beruf: Programmierer bei Cometatronics International Ausbildung: Informatikstudium an der staatlichen Universität Helsinki
8.7.2053 Heute hatte ich einen anstrengenden Tag. Herr Hübner, Finanzdirektor von TransIso-Soft, unserem momentanen Auftraggeber, hat unserer Projektleitung eine neue Frist gesetzt. Wahrscheinlich werde ich in nächster Zeit einige überstunden machen müssen. Na Super! Was mich aber weitaus mehr aufregt, ist die aktuelle Weltpolitik. Langsam spitzt sich die Lage zu. Ich weiss nichteinmal mehr, wer hier auf wessen Seite steht und wer sich von wem beleidigt fühlt. Amerikaner, Europäer, Chinesen, diverse terroristische Vereinigungen und jetzt mischen auch die Russen wieder mit.
Passend zur nächsten Monat stattfindenden Weltkonferenz der G8 Staaten, zu denen Deutschland, Russland, China, die USA und seit neustem die TVNA, die Terroristische Vereinigung Nord Afrikas gehören, bringt unsere Zeitung Reportage zur momentanen Weltpolitik. Sie befasst sich mit der momentanen globalen politischen Situation.
Der “Ist”-Zustand
Die Amerikaner benutzen fast ihre kompletten regulären Streitkräfte für den “Kampf gegen den Terror” und haben diese zu 50 % in Staaten der dritten Welt stationiert. Etwa 40 verschiedene terroristische Gruppen unter der Schirmherrschaft der TVNA kämpfen einen ziemlich erfolgreichen Guerillakrieg und der Senat beschränkt durch die hohen Verluste immer mehr die Feiheiten des Präsidenten und seines Stabes.
China auf der anderen Seite unterstützt nach inoffiziellen Meldungen die TVNA mit Waffen und Informationen und betont diese Einstellung durch ein Handelsembargo gegen die USA und ihre Verbündeten. Durch die geographische Position gezwungen, musste Japan ebenfalls alle offiziellen Verbindungen kappen, um eine Invasion durch die in den letzten zehn Jahren stark erstärkte Chinesische Volksarmee zu verhindern.
Mit Hilfe der 2037 gefundenen Goldvorräte im Norden Sibiriens hat das Neurussische Imperium ebenfalls ein modernisiertes und straff organisiertes Armeegerüst aufgebaut und versucht noch seine Neutralität zu wahren, aber seit einigen Wochen ist ein immer ablehnender werdender Ton in offiziellen Meldungen zu Chinas Aktivitäten zu vernehmen.
Das führt zu einer stärkeren Kooperation mit der Europäischen Union, was gemeinsame Manöver mit den Europakorps zur Folge hat. (adl)
12.7.2053 Noch zwei Tage bis zur Deadline und meine Arbeit ist fast erledigt. Wunderbar! Danach habe ich dann eine Woche Urlaub, den ich mit meiner Freundin im Süden an der Ostsee verbringen werde. Die USA mussten heute die Gerüchte bestätigen: Zwei nukleare Sprengköpfe sind verschwunden, während fast zeitgleich die Weltpresse mit Drohungen, Warnungen und Erpresserschreiben von allen bekannten Terrorzellen bombardiert werden. Eine darauffolgende Offensive der 1. Infanterie führte nur zu einem schrecklichen Inferno in der Nähe Kairos. Eine der Atombomben wurde gezündet und hat damit die halbe Stadt dem Erdboden gleichgemacht! Die schrecklichen Bilder verfolgten mich noch in meinen Träumen... Europa redet von Verschleierungen und den “üblichen Alleingängen” und China, beschuldigt die Amerikaner den Terrorismus zu fördern. Ich bin nur froh, dass Finnland sich recht neutral verhält.
14.7.2053 Großartig! Das Programm ist pünktlich fertig geworden und der Boss ist beeindruckt. Er hat sogar etwas von einer Gehaltserhöhung angedeutet. Vielleicht kann ich mir dann ja endlich einen neuen Hover XL23 leisten. Aber das beste: Endlich Urlaub! Ostsee, wir kommen... Politisch siehts leider nicht so rosig aus. China hat offiziell bestätigt aufgrund der aktuellen Bedrohung alle Waffensystem auf höchste Alarmbereitschaft gestellt zu haben. Jetzt ist der Konflikt also offiziell. Darauf haben auch alle anderen Nationen, die über atomare Waffen verfügen, zur höchsten Alarmstufe gewechselt, obwohl die breite Mehrheit der Presse vermutet, dass dies eh schon der Fall war. Dies ist mehr als ein zweiter Kalter Krieg. So nah war die Menschheit wohl noch nie an ihrer eigenen Vernichtung. Wir haben Angst...
18.7.2053 Kalt! Ich lag auf einer harten Metallpritsche. Rostiges Metall über mir. Ich weiß nicht, wer zuerst geschossen hat. Eigentlich ist es auch egal. Meine Freundin und ich gingen grade an der Küste spazieren. Es dauerte nur wenige Sekunden, als auf einmal nahezu jeder am Strand panisch umherlief. Irgendjemand neben mir schrie voller Angst. “Krieg!” “Helsinki wurde getroffen!” “Es ist aus!” Auf einmal sah ich aus den Augenwinkel einen hellen Blitz am Himmel. Ein weiterer Panikschub durchfuhr die Menge. Wie versteinert stand ich am Strand und beobachtete die flüchtende Menge wie durch einen weißen Schleier, bis mich jemand am Arm packte und Richtung Wasser zerrte. “Kommt mit!”. Eine vermummte Person scheuchte uns und eine Handvoll anderer Strandbesucher einen Steg entlang. Eine Vibration wurde spürbar und einzelne Bretter des Stegs zersplitterten unter lautem Krachen und ein Regen aus Holzsplittern flog uns entgegen. Nach wenigen Sekunden kamen wir zu einer rostigen Luke im Wasser. “Da rein!” befahl die Gestalt und sprang in die Luke. Die Vibration wurde stärker, ein Grummeln wurde hörbar und die Wellen schwappten schon über den zerfallenden Steg. Ohne zögern sprang ich hinein und hielt sofort wieder, um nach meiner Freundin zu sehen. Das Grummeln schwoll an. Gerade als ich den Kopf meiner Freundin sah wurde ihr ganzer Körper von einer unvorstellbaren Kraft weggerissen und einen kurzen Moment sah man einen hellroten Himmel, bevor der unbekannte Retter mich zu Seite stieß und die Lucke verschließen wollte. “Zu spät! Die sind alle tot!”. Die Erde bebte und ich fiel zu Boden, fühlte, wie mich eine Flutwelle traf. Alles kippte, es wurde dunkel. Kalt! Ich war bis auf die Haut durchnässt. Als ich mich aufrichtete, merkte ich, wie eng der Raum war. Langsam verstand ich. “Das ist ein U-Boot...”, flüsterte ich benommen. “Ja!”. Erschrocken presste ich mich in eine Ecke. Dann erkannte ich den Mann, der mich am Arm gepackt hatte. “Ein altes russisches U-Boot. Mein ganzer Stolz, mein Hobby. War nicht leicht, da dran zu kommen und diese ganze Bürokratie und die Formulare...aber die brauchten Geld und hatten so oder so schon neue Uboote gebaut.” Langsam beruhigte ich mich. Der Mann schien ein wenig verrückt, aber sympatisch. “Meine Freundin”, stammelte ich. Der Mann schüttelte den Kopf. “Nur Sie, ich und der Kerl da hinten”, er zeigte auf einen Mann, der in der Türe zu Kajüte stand. Trotz dieser Enge hatte ich ihn nicht bemerkt. “Das war eine...”, ich konnte es nicht aussprechen. Der Mann in der Türe nickte: “...eine Atombombe, ja. Diese Schweine!” - “Ruhen Sie sich noch ein wenig aus.”, sagte der Mann neben mir und warf mir eine trockene Decke zu. Darauf gingen beide und ich bleib alleine zurück. Ich weinte.
19.7.2053 Wir fahren Richtung Mittelmehr. Malcom, so heißt unser Retter, bringt David, dem anderen Mann, und mir die grundlegende Steuerung des Schiffs bei und meint, wir sollten zur “Alpha-Kolonie” fahren. Das ist bzw. war ein internationales Gemeinschaftsprojekt, eine Ansammlung von Unterwassereinrichtungen, um einen Ausweg aus der Überbevölkerung zu finden und um die Rohstoffvorkommen am Meeresboden besser abbauen zu können. Als die Amerikaner den “Krieg gegen den Terror” starteten wurde ihnen dieses Projekt zu riskant und sie setzten eine Schliessung durch. Wir waren auch einmal kurz an der Oberfläche, aber das hätte uns fast getötet. Es müssen wohl noch mehr Atombomben hochgegangen sein, denn die Strahlung und Hitze dort oben ist viel zu hoch um von einer Explosion 1200 Meilen entfernt kommen zu könen. In dieser Gluthölle dort oben kann niemand überlebt haben, der Weltraum und das Wasser sind die einzigen Möglichkeiten diesem Schicksal zu entkommen. Nach Malcoms Schätzungen müssen etwa 3000 Atomwaffen auf der Welt eingesetzt worden sein. Die Menschheit ist an ihrer eigenen Unvernunft zu Grunde gegangen.
20.7.2053 Ich habe Alpträume. Wir alle haben Alpträume. Das war ja auch nicht anders zu erwarten, aber es raubt uns den Schlaf und die Nerven sind am Boden. Malcom bekommt merkwürdige Flecken auf seiner Haut. David und ich vermuten, er sei der Strahlung zu stark ausgesetzt gewesen, aber er will davon nichts wissen.
21.7.2053 Wir haben die “Alpha-Kolonie” erreicht. Allerdings sind wir an Bord geblieben, da es Malcom echt dreckig geht. David dreht langsam durch und ist äußerst gereitzt. Ich hoffe, wir finden bald einen Ausweg.
22.7.2053 Malcom spuckt Blut. Keiner sagt etwas, aber alle wissen, dass er bald sterben wird. Ich schlage vor, zur “Alpha-Kolonie” zu gehen und nach Medikamenten zu suchen, aber David ist durchgedreht. Er glaubt, ich wollte die beiden alleine zurücklassen. Er hat irgendwo einen Revolver gefunden und droht jeden zu erschießen, der nicht macht, was er sagt.
23.7.2053 Heute morgen ist Malcom gestorben. Ein merkwürdiges Gefühl: Ich bedaure zwar, dass ich ihn nicht näher gekannt habe, aber ich stelle fest, dass micht der Tod meiner Freundin, der von Malcom, meiner Eltern und aller Menschen, die ich kannte, mich kaum berührte. Das hier ist wie ein Traum, aus dem ich erwarte, auf zu wachen. David ist vollkommen weggetreten. Er ist nicht mehr ansprechbar, schreit ständig und droht mit dem Revolver. Zum Glück konnte ich ihn in der Luftschleuse einsperren, sitze dadurch aber selbst in der Falle. Langsam geht uns der Sauerstoff aus. In der Kolonie gibt es Strom aus Erdwärme und Fusionsreaktoren, Sauerstoff aus Algenfarmen und frisches Essen aus kontrolliertem Anbau. Das Paradies! Aber David sitzt jetzt in der Luftschleuse.
24.7.2053 Diese Nacht habe ich nicht geschlafen. Wenn nicht durch die Alpträume, dann wegen dem anhaltenden Gepolter und Geschrei von David. Hätte ich den Revolver, dann... Gegen Abend endete der Lärm abrupt mit einem Knall. Ich war wie elektrisiert. Als ich vorsichtig die Schleuse öffnete bot sich mir ein grausames Bild... Ich war alleine!
25.7.2053 Diese Nacht war noch schlimmer als die vorige. Die Stille war unerträglicher, als der Lärm meines verrückten Kameraden. Das einzige Geräuch, welches zu hören war, war das bedrohliche Knarren von dem alten Schiffsrumpf, was meine Angst noch verstärkte. Ich saß hier, eingeklemmt in einer engen, rostigen Büchse und darüber... Wasser! Viele tausend Meter bis zur Oberfläche und die war unbewohnbar. Vielleicht war ich der letzte Mensch auf diesem Planeten und mein Leben hängt an dieser Sardinenbüchse. Ich würde nicht ertrinken, ich würde zerquetscht werden... Am nächsten Morgen, besser gesagt, als meine Uhr meinen Körper überzeugte, dass es Zeit zum Aufstehen war, betrat ich die “Alpha-Kolonie”. Genauer gesagt betrat ich eine der unzähligen unabhängigen Einzelbasen, die alle in einem großen Netzwerk angeordnet sind, in dem es für ein altes Schiff mehr als eine Stunde dauert, die nächste zu erreichen. Ich war überrascht: Die Basis ist sehr geräumig und noch immer voll funktionsfähig.
26.7.2053 Allmählig lerne ich die Bedienung der Basensysteme. Das Interessanteste ist, dass ich ein Kartensystem entdeckt habe, welches alle aktiven Basen anzeigt. Ich bin nicht allein! Scheinbar haben es Menschen aus aller Welt geschafft, die “Alpha-Kolonie” zu erreichen. Leider beinhaltet das System keine Kommunikationsanlage und die Basen sind alle physisch voneinander getrennt. Aber hier gibt es Pläne, Rohstoffe und Bauandroiden, mit denen man theoretisch alles bauen könnte und Einrichtungen, um weitere Ressourcen herzustellen. Leider gibt es auch Pläne für Waffensysteme... Aber diese Basis und die Tatsache, dass auch andere überlebt haben, ist ein Anfang.
24.8.2053 “Ein Geschwader von 200, 300. Ist jetzt bei 118, 218 - noch eine viertel Stunde!”. Tanaka, einer der ersten überlebenden, die sich mir anschlossen, saß am Sonar und war sichtlich erregt. “Na schön, ich hatte ihn gewarnt. Langstreckentorpedos vorbereiten.”, sagte ich. “Bereit!”, rief Osiris an der Waffenstation. Namen wie “Osiris”, “Fireball”, meine Chefingenieurin, oder “Cone”, unser “Baumeister”, sind inzwischen gängig. Familien gibt es nicht mehr, warum dann zwei Namen haben? “Feuer!”, sagte ich kalt. Warum lernen die Menschen nicht? Nur wenige Wochen nach dem Inferno versuchten bereits die ersten, sich die knappen Ressourcen zu sichern. Und wieder ist Krieg, obwohl durch Kooperation viel mehr erreicht werden könnte...
29.8.2053 “Commander! Schnell!” - “Wieder ein Angriff, Tanaka?” - “Ich... Ich weiß nicht. Alle Anzeigen sind am Anschlag! Da baut sich irgendeine Energie auf...?” Ich sah es selbst. Nicht auf Tanakas Anzeigen, die weit über ein einfaches Sonar hinausgingen, sondern mit den bloßen Augen konnte man durch die Glaskuppel der Basis ein Leuchten erkennen. Da, wo irgendwo die Oberfläche sein müsste und sich langsam der nukleare Winter ausbreitet, konnte man ein helles Licht sehen, als würde sich das Tageslicht erbarmen und die Überreste der Menschheit besuchen. Es wurde jedoch noch intensiver, bis es sich in einem hellen Blitz entlud. Noch blind hörte ich Tanaka: “Sir, öhm... 200, 300 - Dieser Drecksack - ist ...naja... weg!?”. Sie lächelte unsicher. “Was? Wie weg?” - “Einfach weg! Ich versteh das nicht...” “Eine Nachricht, Sir!”. Auf mein Zeichen hin, stellte Dark Bull, mein Kommunikationsoffizier, die Nachricht durch:
“An die elenden Weichlinge da unten im Wasser: Ab jetzt herrscht nur noch eine Koalition, die Mutantenkoalition.”
Hier enden die persönlichen Aufzeichnungen von Peter Abdeo. Inzwischen ist, laut Berichten der verbliebenen Militärs, die Waffe, die die Mutantenkoalition, deren Mitglieder es geschafft haben, sich der Strahlung an der Erdoberfläche anzupassen, eingesetzt hat, als Antimateriebombe bekannt. Laut unbestätigten Quellen, ist diese nur begrenzt verfügbar, so dass die Mutantenkoalition sich darauf beschränkt, mit ihr die Menschen zu kontrollieren und die internen Kriege zu schüren.”
“Interessant...” brachte der Admiral nur noch hervor und schien sehr in Gedanken versunken zu sein. Arthur plagten Gewissensbisse und Fragen über Fragen zerbrachen ihm den Kopf: Sollte er das zweite Buch herausgeben? Was würde mit ihm geschehen, wenn er dies nicht tat und es bekannt wurde? Doch die größte Frage war natürlich die nach dem Inhalt des Tagebuches und die Gier es zu lesen fraß ihn förmlich auf. Er konnte es nicht erwarten, die Besprechung zu verlassen, um sich dem Buche zu widmen und schließlich war es dann soweit, dass Admiral von Rüden aus seinen Gedanken erwachte und die Versammlung für geschlossen erklärte. Arthur wurde für den Rest des Tages frei gegeben, doch sollte er für weitere Befehle auf Abruf stehen.
Gehetzt von Neugier und Wissbegieren rannte Arthur geradewegs zur Toilette, um dort ungestört zu sein, denn niemand durfte je erfahren, dass er das schwarze Buch an sich genommen hatte.
Schwitzend vor Erregung, Angst und Nervosität nahm er, sobald er sein Ziel erreicht hatte, das Buch aus seiner Tasche und inspizierte es gründlich. “Das Dunkel” stand in einer zittrigen Handschrift auf der Frontseite, ansonsten war es abgegriffen und die Seiten wiesen Spuren raschen Blätterns auf. Auch die Schrift des gesamten Textes spiegelte die Eile wieder, in der das Buch geschrieben worden war.
Arthur schlug die erste Seite auf und begann zu lesen..
“Dunkel.
Überall und allgegenwärtig sehe ich die Schatten umhereilen. Wir können nicht entfliehen... Ich schreibe diese Zeilen in der Hoffnung, dass jemand dieses Buch findet und es noch nicht zu spät für ihn ist, dem Dunkel zu entfliehen. Denn langsam verlässt uns hier die Hoffnung, dass es ein Gegenmittel gegen die Bedrohung gibt.
Alles begann wenige Tage nachdem wir die Basis bezogen hatten. Bis zu jenem Tage war alles zufriedenstellend verlaufen und wir konnten uns problemlos gegen herumziehende Plünderer und Piraten wehren, stark genug waren die Verteidigungsanlagen und Befestigungen der Alpha-Kolonien und umfassend die Schulungen der Holo-Disks.
Doch Stück für Stück fiel eine neue Bedrohung über uns herein, die verheerender zu sein schien, als die sporadischen Angriffe von Zeit zu Zeit, derer wir uns allein erwehren konnten.
Obwohl wir keine technische Veränderung feststellen konnten, schien das Licht in unserer Basins dunkler zu werden. Von Tag zu Tag, so dass wir gegen Ende Mühe hatten uns zurechtzufinden. Doch nur ein die Systeme der Basis selbst waren betroffen von der Verdunklung. Taschenlampen und andere mitgebrachte Lichtquellen funktionierten noch immer einwandfrei, sofern wir sie abschalteten. Blieben sie konstant an, so verdunkelte sich auch ihre Helligkeit mit der Zeit.
Was für eine Macht war im Stande so etwas zu tun? Selbst unsere intelligentesten Techniker konnten sich diese Frage nicht beantworten und Tag für Tag wurde es dunkler und mit der Dunkelheit wuchs unsere Furcht und wir wurden nervöser.
Was, wenn wir bald in völliger Dunkelheit waren? Und der Vorbote welch grausamer Wesen oder Taten konnte dies sein?
Es fiel mir immer schwerer die Besatzung zu beruhigen, denn ich selbst verlor meine Hoffnung mehr und mehr.
10 Tage dauert der Schatten, der über uns liegt, nun schon an und noch immer sind wir so schlau wie am ersten Tage. Es ist ein grausames Gefühl völlig unfähig zu sein, sein eigenes Schicksal zu verändern, doch genau dieses Gefühl überkam uns genau wie der Schatten, der unser Licht verdunkelte.
Sie kamen heute - es blieb wie erwartet nicht nur bei der Verdunkelung unserer Lichtquellen. Für wenige Sekunden zeigte unser Sonar mehrfach in unregelmäßigen Abständen eine Unmenge kleiner Kontakte, die jedoch sogleich wieder verschwanden. Einmal allerdings erschien mit der großen Anzahl kleiner Objekte ein riesiges, absolut gewaltiges, dessen Ausmaße die der gesamten Basis bei weitem übertreffen mussten.
Doch diese Objekte, waren sie menschlichen, natürlichen oder noch ungeklärten Ursprunges, sie blieben unseren Augen verborgen. Nur die Sonare zeigten sie ab und an, aber zu kurz, um Art der Bewegung, Beschaffenheit oder genaue Position zu bestimmen.
Die Techniker sind sich einig, dass es einen Fehler im zentralen Sonarsystem geben muss, doch der Großteil der Besatzung, inklusive mir selbst, bezweifelt das.
Ich glaube, das Dunkel naht. Die Schattten erscheinen auf unserem Sonar. Sind es Schatten etwaiger Geschöpfe, oder verfügen sie gar über keinen Körper und sind eine Manifestation des Dunkels?
Ich weiß es nicht, doch allein der Gedanke erregt Besorgnis in mir und macht mir Angst. - Und da bin ich hier nicht allein. Der normale Alltag an Bord ist fast zum Erliegen gekommen, zu nervös, unachtsam und gedankenverloren sind alle und wer kann sich schon dauerhaft konzentrieren in ständiger Angst und mit mulmigem Bauche? Mir fällt es schon schwer dies hier niederzuschreiben, obwohl mich das Schreiben von Tagebüchern bisher immer beruhigte.
Heute war es soweit. Wir haben unser erstes Todesopfer zu beklagen. Olsen war gerade außerhalb der Basis, um die Außengeschütze zu untersuchen, als abermals die vielen Objekte auf unserem Sonar erschienen. Aus den Fenster der Basis war nichts zu erkennen, doch dies konnte genausogut auf das mangelnde Licht zurückzuführen sein, denn mittlerweiler konnte man von einer Lampe aus nichtmals mehr fünf Meter weit sehen.
Olsen fing plötzlich an in das Funkgerät zu schreien, in einer wahnsinnigen Lautstärke, so dass ich mir zunächst vor Schreck die Kopfhörer von den Ohren riss. Er muss Höllenqualen erlitten haben, allzu grausam erklang seine Stimme durch das Funkgerät. Letztlich zeigten unsere Systeme einen Herzstillstand an.
Völlig geschockt waren wir zunächst kaum in der Lage einen klaren Gedanken zu fassen und nur mit Müh und Not rafften wir uns dann auf und versuchten Olsens Leichnahm mit Hilfe der Sicherungsleine zur Schleuse zu ziehen. Doch als nur noch wenige Meter die Leiche von der Schleuse trennten, erschienen plötzlich abermals die seltsamen Objekte auf dem Sonar. Jedoch waren sie dieses mal nicht so ungeordnet wie sonst immer, sondern stark zur Position der Leiche hingezogen, ja sie scharten sich quasi um diese und wenige Augenblicke später vernahmen wir eine starke Kraft, die uns daran hinderte, die Leine einzuholen und die Leiche in die Schleuse zu ziehen. Erst als die Punkte wieder vom Sonar verschwunden waren, waren wir in der Lage die Überreste unseres Freundes hineinzuziehen.
Überreste mag makaber klingen, doch dies ist der einzig passende Ausdruck für den Anblick, der sich uns bot. Der gesamte Schutzanzug war verschwunden und mit ihm Haut, Muskeln und jeglisches organisches Material von Olsens Körper. Nur sein blankes Skelett war übrig. Im fahlen Licht blickte uns der Totenschädel entgegen und mir war, als könnte ich noch immer seine Todesqualen in dem Knochengesicht wiedererkennen.
Von nun an, geriet die Situation außer Kontrolle. Panisch und verzweifeld war der Großteil der Besatzung völlig außer sich und unfähig rational zu handeln.
Auch ich habe große Angst und muss mich sehr zusammenreißen, dies hier zu schreiben, doch wenn unser Ende kommen sollte, so möchte ich zumindest andere davor bewahren.
Das Licht unserer Lampen geht nun fast zur Neige. Nur Taschenlampen, Feuerzeuge und Streichhölzer bieten noch Licht für einen kurzen Moment, doch lange werden wir so nicht durchhalten können.
Wir versuchen im Moment das Schiff bereit zu machen, um von hier zu fliehen, doch bei den miserablen Lichtverhältnissen ist dies schwierig. Vermutlich hätten wir schon vorher entfliehen sollen, doch wer verlässt freiwillig seine, wenn auch neue, Heimat, solange noch ein Funke Hoffnung besteht?
Das Schiff ist nun fast bereit, bisher ist nichts neues passiert, nicht einmal auf dem Sonar waren weitere Objekte erschienen. Allein dieser Tatbestand beunruhigt mich nun, denn bereits seit über 10 Tagen hatten wir keinen direkten Feindkontakt mehr. Das ist mehr als doppelt so lange wie die bisher längste friedliche Periode seit wir diese Basis bewohnen. Ob auch andere unser Schicksal ereilte? Oder waren die Schatten eine neue Form des Angriffes von Menschen auf uns?
Etwas Grausames ist soeben geschehen. Ich habe wohl nicht mehr viel Zeit, alles ausführlich aufzuschreiben, doch hier kurz was passierte.
Das Schiff sollte in weniger als zwei Stunden auslaufen und der Bootsmann inspizierte bereits das Deck, als auch er plötzlich voller Angst aufschrie und sogleich fiel hier in der Kommandozentrale unser Blick auf das Sonar. Abermals war es übersäht von unzähligen Objekten, die das Schiff umgaben und sich an der Luke konzentrierten.
Auch die zuständigen Matrosen an der Luke schienen die Ballung der Schatten zu registrieren, denn alles Licht in den Gängen schwand dahin und völlige Dunkelheit umgab sie. Von der Furcht getrieben eilten sie sich, die Luke von innen zu verschließen und einfach loszufahren, uns hier zurücklassend. Doch diese Flucht ward ihnen vergönnt, wie wir aus der Zentrale verärgert, aber umso mehr besorgt und verängstigt sahen. Bis auf uns vier hier, waren alle Bewohner der Basis an Bord des Schiffes, welches schließlich ablegte.
Doch die Intervalle in denen die Objekte auf unseren Sonaren erschienen wurden immer geringer und sie umgaben das Schiff nun völlig.
Durch unsere Funkgeräte vernahmen wir nur noch entsetzliche Schreie. Grauenhaft und den Tod vor Augen sehend, schrieen unsere Freunde und Kameraden um Hilfe, die wir ihnen nicht leisten konnten. Voll Angst und Panik wurde ein Geräusch in unseren Funkgeräten immer lauter: Das Zerbersten des Schiffsrumpfes.
Und so geschah es, dass das Schiff langsam vor unsere Sichtfenster trieb, doch nur schwer war es im fahlen Lichtschein zu erkennen und immer ungenauer wurden seine Siluetten mit der wachsenden Anzahl der Schatten, die es umgaben.
Letztendlich geschah es, dass der Rumpf der Kraft der Schatten nachgab und die Wassermassen zerfetzten das Schiff von allen Seiten. Doch dies war nicht, wie normalerweise, wenn ein U-Boot dem Druck des Wassers nachgibt...
Im nu sanken die Teile des Schiffes hinab, doch die Körper der fast hundert Besatzungsmitglieder blieben an Ort und Stelle, als wären sie im Wasser aufgehängt. Nur unscharf und dunkel konnten wir sie sehen, doch ab und an fiel ein Lichtschein auf sie und jede Sekunde schien Tagen der Verwesung gleichzukommen, denn nur wenige Augenblicke später, sagen wir lediglich ein Meer aus Skeletten vor unseren Fenstern.
Sie waren alle tot... umgekommen durch das Dunkel, das uns alle verschlingt und selbst die Skelettgesichter waren Zeugen wahnsinniger Furcht und grausamer anzusehen, als jedes Skelett, dass ich zuvor erblickte.
Ich versuche einen Kaffee zu trinken und mich zu besinnen, doch es fällt mir sehr schwer. Ich fürchte mich vor der Furcht, die ich sah und die vielleicht auch mich bald treffen wird.
Wahnsinnige Furcht vor dem Tod, Schrecken, der so entsetzlich ist, dass er selbst den Tod bringen könnte.
Ob diese Befestigung den Schatten stand halten kann? Laut den Holo-Disks haben sie bislang jede noch so harte Herausforderung der Ozeane überdauert, doch war dies mit bisherigen Bedrohungen vergleichbar?
Ich weiß es nicht, aber ich habe Angst...
Hiermit werden meine Aufzeichnungen zu Ende gehen, wenn dies jemand findet, so möge er sich von hier fortmachen und fliehen, so schnell er nur kann. Wartet nicht bis es zu spät ist, das Dunkel lässt sich nicht aufhalten, es tötet gnadenlos.
Die Punkte sind wieder auf dem Sonar, sie umgeben uns. Das Fenster verdunkelt sich. Ich lege nun das Buch bei Seite und stelle mich meinem Schicksal.
Hoffentlich überlebe ich diese Stunden.”
Arthur schauderte. Seine Ängste waren die ganze Zeit über berechtigt gewesen. Doch was sollte er tun? Zum Admiral gehen? Das konnte er nicht wagen, dann für das Verschweigen der hochwichtigen Informationen, hätte er strengste Disziplinarmaßnahmen zu erwarten. Die Furcht quälte Arthur. Furcht vor dem Dunkel, Furcht vor der Entdeckung seiner Unterschlagung. Die Toilettenspühlung nebenan ließ ihn aufschrecken. Hastig steckte er das Buch in die ausgefranste Innentasche seiner Jacke, wartete bis er das Geräusch des Wasserhans vernahm und betätigte dann ebenfalls die Spühlung.
Arthur verließ die Toilette und schweifte ziellos durch das Schiff. Plötzlich war es ihm, als hätte er eine Bewegung vernommen. Dort! Arthur blicke zögernd durch das große Bullauge. Die Scheinwerfer des U-Bootes; sie verdunkelten sich.
Es war klar, was dies bedeutete.
Arthur eilte geduckt und sich ständig umsehend zur Brücke. Dort traf er den Admiral an, der ihn verwundert anblickte: “Nanu? Ich hatte Ihnen doch freigegeben? Ist etwas passiert?” Es war beinahe unmöglich, Arthurs Zustand zu übersehen. Völlig traumatisiert, zitternd und nass vor Angstschweiß stand er dort im Raum. “Die...die..die Schatten! Sie kommen!”, brachte Arthur außer Atem hervor. “Welche Schatten? Was heißt das?”, entgegnete der Admiral. “Wir werden alle sterben! Fliehen Sie!! Fliehen Sie, solange Sie noch können!” Der Admiral erkannte, wie ernst es Arthur war. Der Mann stand nicht unter Drogeneinfluss oder ähnlichem. Es war die pure Angst, die aus Arthurs Augen sprach. “Sie werden uns alle vernichten!”, zitterte Arthur. Der Admiral versuchte Gelassenheit wiederzuspiegeln: “Bleiben Sie ruhig. Wir haben ein spezielles Schätzchen an Bord. Major Brandt, machen sie die “Bismarck XXIII” startklar!” “AY AY, Sir!!” “Wir werden uns in wenigen Minuten an Bord des modernsten Mini U-Bootes der deutschen Marine begeben. Folgen Sie mir einfach. Wir fahren ein Stück weit fort und Sie erzählen mir unterwegs die ganze Geschichte. Es ist sowieso Zeit, die Bismarck einmal in der Praxis zu erleben.”
Arthur folge dem Admiral ohne zu zögern. Er vertraute diesem sein Leben völlig bereitwillig an; wie eine Vaterfigur erschiehn ihm das Oberhaupt der Marine. Stark und entschlossen. Nur wenig später waren sie an Bord der Bismarck und der Admiral bediente mit völligem Selbstverständnis die bunt blinkenden Amaturen.
Kam es Arthur nur so vor, oder dimmte der grelle Schein der Amaturen mehr und mehr ab? Ja, ohne Zweifel, sie wurden fast unsichtbar. “Aaaaa...dmiral!!” “Was gibt es?” entgegnete der dieser beschäftigt: “Oh mein Gott, was ist das?”. Zitternd versuchte Arthur in wenigen Sätzen zu erklären, was er gelesen hatte. Doch seine Erzählung wurde schon bald vom Geräusch des Sonars unterbrochen. Lauter kleine Punkte sammelt sich um die ‘Gerhard Schröder’. Ein lautes Knarren war bis an Bord der Bismarck zu hören. “Grundgütiger, das gesamte U-Boot zerberstet”, entglitt es dem Admiral: “Machen, wir, dass wir hier wegkommen.”
Stille. Da war sie wieder. Unangenehm und unbequem, verzweifelt und verlassen. Arthur betrachtete das Sonar, doch konnte er nun seit Stunden keine Aktivität mehr ausmachen. Was war aus den belebten Gewässern hier geworden? Früher konnte man kaum ein bis zwei Stunden fahren, ohne jemandem zu begegnen. Durch die Katastrophe sollte das doch eigentlich mehr und nicht weniger geworden sein. Der Admiral schlief unruhig im hinteren Teil der Kabine, während der Autopilot das Schiff sicher an den schroffen Felsformationen vorbeisteuerte.
Plötzlich erblickte Arthur etwas riesiges. Eine große leuchtende Kuppel, voller Licht und Leben. Wie ein Diamant glänzte die äußere Kuppel und im Inneren schien das Leben zu pulsieren. Arthur war verblüfft von solcher Schönheit. Seine Angst war verflogen, das konnte nicht Böse sein. Er ließ das Schiff auf die Schleuse zufahren und weckte den Admiral.
Zur gleichen Zeit bemerkte die Besatzung der ‘Gerhard Schröder’, dass sie nicht mehr existierte. Das Schiff selbst jedoch lag noch immer erhaben im Meer. Noch bevor die Schatten ihr Werk vollenden konnten, wurden sie aufgeschreckt und vertrieben. Ein grausiges Heulen durchzog den Ozean, als die Scheinwerfer des Goldenen Apfelkorps aufblitzten und das deutsche U-Boot in ein gleißendes Licht hüllten. Diese Strahlung rettete das U-Boot, doch für die Besatzung war es bereits zu spät. Nur noch Knochen füllten die schmalen Gänge des Stolzes der deutschen Marine. Mit dem Schiff im Schlepptau machte sich das Goldene Apfelkorps zurück auf den Weg. Nach Atlantis.
Arthur war es, als hätte er einen grellen Schrei gehört. Das musste er sich nur eingebildet haben. Sie waren nur noch wenige Meter von der leuchtenden Unterwasserstadt entfernt und im Wissen keiner Gefahr gegenüber zu stehen, öffeneten die Wachen die Schleuse.
Auch der Admiral war sprachlos und geblendet von der Schönheit der Bauwerke. Das Glück auf den Gesichtern der Bewohner färbte innerhalb weniger Momente über. Die Bismarck wurden in einer Art Kristallröhre zum Hafen geleitet und legte schließlich dort an.
Frei von Angst stiegen Arthur und der Admiral aus dem kleinen U-Boot. Zwei bewaffnete Wachen und ein elegant gekleideter Offizier standen vor ihnen: “Seid gegrüßt Admiral von Rüden, sei gegrüßt Arthur”, begann der Offizier die Unterhaltung. “Woher zum Teufe...”, rutschte es dem Admiral heraus. “Wir wissen weit mehr, als ihr meint. Euer eigentliches Schiff befindet sich in unserem Besitz und wird in diesem Moment von unserem Herrscher und seiner Leibgarde, dem goldenen Apfelkorps, geborgen und hierher überführt.” “Ihr Schweine!” brüllte Arthur, doch der Offizier entgegnete gelassen: “Ruhig... nicht wir sind Schuld an den Schatten und an dem, was sie anrichten. Wir kamen auch ein wenig zu spät, sonst wäre die Besatzung am Leben geblieben. Wir haben die Schatten vertrieben.” “Sie... sie sind alle.. tot?” “So ist es. Das ist das Schicksal vieler in diesen Meeren.”
Der Admiral hatte sich wieder gesammelt, während Arthur noch immer völlig fassungslos war. “So, nun da Ihr wisst, wer wir sind, interessiert es mich, wer Ihr seid”, fragte von Rüden. “Das will ich Euch gern beantworten. Mein Name ist Simon Moon, ich bin Stellvertreter von Kallisti, dem Herrscher über Atlantis.” “Atlantis? Das ist doch nur eine Legende!” “Bei weitem nicht. Das Herz der Alpha Kolonie ist der Punkt an den ehemals Atlantis versunken ist, das ist hier. Wir haben die Stadt in den letzten Jahrzehten komplett neu errichtet und schon heute übertrumpft der Reichtum bereits den von vergangenen Zeiten. Kallisti sollte bald eintreffen, er wird sich bestimmt noch mit Euch unterhalten.” “Erstaunlich”, sagte der Admiral. Schroff befahl Simon: “Wache, geleitet sie in die vorbestimmten Quartiere”, drehte sich um und ging stolz auf das gigantische Palastgebäude zu.
Fünf Tage waren vergangen, seit Arthur und der Admiral in Atlantis angelangten. Doch nicht viel war bislang geschehen. Sie genossen das angenehme Leben in Atlantis und von Rüden inspizierte mit Bewunderung die bombastischen Verteidigungsanlagen. Kallisti hatte sich allerdings noch nicht bei ihnen gemeldet, sondern war nach seiner Rückkehr gleich im Palast verschwunden. Nicht einmal eines Blickes hatte er sie gewürdigt. Viele Botschafter, zwielichte Gestalten und auch wohlhabende Kaufleute betraten den Palast in den nächsten Tagen. Kallisti schien sehr beschäftigt zu sein.
Arthur brachte den Großteil der Tage in einem AKN Cafe zu. Er durchsuchte das Alpha-Kolonie-Netzwerk nach den Schatten. Doch seine Suche schien vergeblich. Während jegliche Art von Pornographie, egal wie abstrus und extravagant sie auch war, zu finden zu sein schien, waren Informationen über die Schatten quasi nicht existent. Arthur kam mehrfach zu einem Punkt, an dem er sich kurz vor dem Ziel sah, doch jedes mal war die jeweilige Seite nicht mehr verfügbar oder die Verweise führten ins Nichts. “Das stinkt doch ganz gewaltig”, murmelte Arthur, während er einem weiteren Link folgte. Er rieb sich die Augen, nachdem er sich zunächst geweigert hatte ihnen auch nur ansatzweise zu trauen. War dies, was er gesucht hatte? Auf einer düsteren privaten Homepage fand er genau die Information, die er gesucht hatte. Doch sie erschütterte ihn nicht, ganz im Gegenteil: Sie ließ ihn innerlich aufblühen.
Der Autor des verlassenen und brach liegenden Blogs berichtete ausführlich über eine bahnbrechende Technologie der Mutanten. Aufgrund ihrer schweren Krankheiten und des zunehmenden Verfalls radioaktiv verseuchten, organischen Lebens, hatten sie Forschungen hinsichtlich der Regenerationsmöglichkeiten des menschlichen Körpers betrieben und waren auch zu einem Ergebnis gekommen: Die perfekte Rekonstruktion des Körpers auf physischer Ebene nur anhand der DNS war möglich. Doch eine theologische Annahme, die schon seit vielen Jahrhunderten diskutiert wird, hatte sich bestätigt: Die Seele ist nicht materiell.
Die geschaffenen Wesen waren seelenlos, sie waren leere Hüllen. Ohne eigenen Willen, ohne Gefühle, ohne Selbstbestimmung und vor allem ohne Liebe und Zuneigung. Doch diesen Absatz überflog Arthur nur in voller Aufregung.
Die Mutantenkoalition nutzt die künstlichen Menschen lediglich als Arbeitsmaschinen zur Verrichtung von Diensten, derer Roboter noch nicht mächtig sind und als Organlager für ihre verfallenden Körperteile. Ihr sozialer Status ist gleich Null.
All dies las Arthur nur halbherzig, denn noch immer waren seine Gedanken bei den Schatten. Die Schatten, so hieß es, seien das Abfallprodukt der künstlichen Wiederbelebung. Unfähig sich an ihren Körper zu binden und ihn zu beseelen, irren sie als Schatten in großen Gruppen durch die Meere und üben Rache an jedem Lebenden. Ihre traurige Existenz verdanken sie also einem gescheiterten Experiment, sie müssen immerzu wachen und können nie ruhen. Ein qualvolles Dasein.
Der Vorgang der Wiederherstellung basiert auf dem Blut eines der sonderbarsten Lebewesen unseres Planeten: Der Wascos, riesiger Meeresbewohner, die über Jahrtausende unentdeckt in den Tiefen der Ozeane hausten. Es gibt Gerüchte, dass einige dieser Wascos ihr Schicksal realisiert haben und gemeinsam mit den Schatten Jagd auf menschliches Leben machen. Die entstehende Energie durch den Tod eines echten Menschen gibt den Schatten eine Chance die Bindung zu lösen und die Welt, in die man sie zurückholte, abermals zu verlassen. Die Wascos wollen so Rache üben und einen Ausgleich für den Missbrauch ihrer unglaublichen Fähigkeiten vollziehen.
Doch der negative Grundton des Textes entging Arthur vollständig. Alles was sich nun in seinem Kopf abspielte war die Möglichkeit Menschen wiederzubeleben. Aufgeregt betrachtete er sein Amulett und sah in die freundlichen Augen seiner Eltern auf dem verblichenen Photo. Er musste sie wiedersehen. Er musste sie wiederbeleben. Er musste handeln.
Zu seinem Erstaunen erfuhr er im letzten Absatz des Blogs, dass der Vorgang der Reanimation einige ganz besondere Rohstoffe erfordert, die sich nur wenige leisten können und umso weniger besitzen. Die Gesichter der Händler erkannte Arthur fast vollständig wieder: Diese Leute waren in den letzten Tagen in den Palast gegangen. Kallisti musste also etwas damit zu tun haben, er war anscheinend der Rohstofflieferant der Mutanten und dem Reichtum von Atlantis nach, schien er damit überaus erfolgreich zu sein.
Es dauerte nur wenige Momente, bis Arthurs Entschluss fest stand: Er würde sich an Bord einer der Handelsflotten schleichen und versuchen die Rückkehr seiner Eltern auf diese Welt zu erwirken. Er würde es schon irgendwie schaffen, dass sie normale Menschen werden. Er würde es schon irgendwie schaffen, ihre Seelen zu binden. Er liebte sie. Und er vermisste sie.
Als Artur am Hafen ankam, herrschte dort reger Betrieb. Einige beängstigend aussehende Schiffe wurden mit Waren aller Art beladen und lagen trotz heliumgefüllter Auftriebstanks schwer im Wasser.
Noch während Arthur in einer stillen Ecke überlegte, wie er an Bord eines der Handelsschiffe gelangen konnte, bebte plötzlich der Boden. Arthur wurde aus seinen Gedanken gerissen. Hin- und hergeschüttelt wusste er nicht mehr wie ihm geschah. Als er sich gefasst hatte, wurde ihm erst klar, was gerade passierte: Er war in einem großen halboffenen Container gelandet, der nun verladen wurde. Unbewusst hatte er also sein erstes Ziel erreicht und befand sich auf einem der Handelsschiffe.
Es sollte noch einige Stunden dauern, bis die Flotte in See stach. Arthur hatte keine Uhr und die Stunden schienen zu Tagen zu werden, bis schließlich das laute Signal zur Abfahrt ertönte und ihn sichtlich erleichterte. Die Reise hatte begonnen.
Die nächsten zwei Tage verliefen ereignislos. Arthur hatte in dem Container einige Kisten mit teuren Delikatessen gefunden und ernährte sich nun davon. Er genoss den Geschmack des guten Beck’s Bieres, das als eines der wenigen nach der Katastrophe wieder gebraut wurde und vertrieb sich die Zeit mit Erinnerungen an seine Kindheit, an seine Eltern.
So sehr fehlten sie ihm. Er fühlte sich allein, verlassen und sehnte sich so nach der elterlichen Nähe. Nie hatte er einen Menschen an sich herangelassen, seit dem Vorfall damals. Zwar hatte er sich wenige Male mit einem Mädchen getroffen und wollte auch, dass etwas daraus wird, doch eine innere Blockade erstickte jeden Annäherungsversuch im Keim. Und so blieb Arthur allein... bis zum heutigen Tag.
Eine starke Erschütterung ließ Arthur erwachen. Was war geschehen? Etwa ein Angriff? Doch die rauen Stimmen von erschöpften Dockarbeitern beruhigten Arthur wenig später. Sie schienen lediglich angekommen zu sein.
Arthur verbarg sich in einer dunklen Ecke und hockte dort still bis in die späte Nacht. Die Lichte waren erloschen, als er sich langsam aus dem Dunkel stahl und durch eine kleine Luke ins Wasser glitt.
“Ein Glück”, dachte Arthur. “Der Aufbau der Basis ist nach dem Standard-Schema der Alpha Kolonien organisiert. Aber was zum Teufel ist das?”, fragte er sich und sah zu einer strahlenden Lichtsäule inmitten der Basis, wo sich normalerweise der Palast befand.
Bei seinem Aufenthalt in Atlantis hatte er ausgiebig die Baupläne der Kolonien studiert und kannte fast jeden Winkel einer solchen Basis. “Wenn die Abwasserkanäle noch so sind, wie sie sein sollten, dann komme ich direkt unter das Gebäude”, sagte er laut und drehte sich erschrocken um, als ihm dies bewusst wurde. Doch niemand hatte ihn gesehen oder gehört.
So schwamm Arthur zu einem kleinen Steg, ging an Land, um dann beim nächsten Zugang in den Untergrund zu den Abwasserkanälen wieder zu verschwinden. Entgegen seiner Vermutungen war das Wasser hier glasklar. Niemand schien Abwasser zu produzieren, die Gebäude konnten also unmöglich bewohnt sein. Zumindest nicht von Menschen.
Bereits von weitem sah er die Lichtsäule, auch unter Wasser. Hier schien eine Art unterirdischer See zu sein, direkt unter dem Zentrum des Basenkomplexes, direkt um die Lichtsäule herum.
Arthur tauchte langsam und vorsichtig voran, bis er ein leises Geräusch vernahm und sich blitzartig umdrehte. Kam es ihm nur so vor, oder waren dort Schatten, die näher kamen? Ja, er konnte sich unmöglich täuschen. Panisch und voller Angst beschleunigte er sein Tempo und schwamm schleunigst auf die Lichtsäule zu. Die Schatten kamen näher, sie verfolgten ihn. Er sah es aus den Augenwinkeln.
Nun war die Lichtsäule nur noch wenige Meter entfernt, fast konnte er sie greifen. Aber halt! War die Säule gefährlich? Würde er dort überleben? Doch für solche Gedanken war keiner Zeit, Arthur spührte die Kälte an seinen Füßen, schwamm weiter und wunderte sich sogleich über die Wärme, die seine Hände im Lichtkegel umfloss. Welch angenehmes Gefühl, welch Gegensatz zur Bedrohung hinter ihm.
Das Licht bot ihn Wärme und Geborgenheit, er fühlte sich sicher und behütet. Langsam und mit der inneren Gewissheit, dass ihn die Schatten nicht in die Lichtsäule verfolgen konnten, schwamm Arthur weiter nach oben.
Er staunte nicht schlecht, als er plötzlich die Oberfläche erreichte und sich inmitten einer riesigen Forschungseinrichtung wiederfand. Das konnte doch unmöglich so einfach sein, hier hereinzukommen? Wo waren die Wachen, wo die Wissenschaftler?
Arthur stieg aus dem Wasser und ging über die Metallverstrebungen. Überall Computerbildschirme, interessante Apparaturen. Etwa zwei Meter über der Stelle, an der er aus dem Wasser gestiegen war, befanden sich zwei Kammern, die vom Aussehen her an eine dieser Visionen von Teleportern erinnerten, inmitten des Lichtkegels. Kabel und Schläuche mit sonderbaren Flüssigkeiten führten zu diesem Gerät. War das etwa der Wiederbelebungsapparat von dem Arthur gelesen hatte?
Von seinem Ziel besessen vergaß Arthur jegliche Bedenken, wieso es ihm so einfach gelingen konnte, hier einzudringen. Nur eines pochte in seinem Kopf. Er musste seine Eltern wiederbeleben, er musste sie wiedersehen.
Hastig überflog Arthur die Computerbildschirme. Das Interface war quasi selbsterklärend, er verstand es auf Anhieb. Der Prozess benötigte demnach lediglich ein organisches Element der wiederzubelebenden Personen, um deren DNS analysieren und rekonstruieren zu können.. Schlagartig fiel Arthur sein Amulett ein. Er nahm die Haarsträhnen seiner Eltern zögernd heraus und legte sie in die kleine schimmernde Box, exakt im Zentrum des Raumes.
Es schien alles bereit zu stehen. Arthur betätigte den Knopf. Voller Eifer merkte er nicht wie laut und tosend der Apparat anlief. Lichter blinkten auf, Flüssigkeit drang durch die Schläuche und Nebel hüllte die beiden Kammern ein.
Wenige Minuten später schien sich der Nebel zu legen. Ungeduldig sprang Arthur auf die Treppe, die zur Plattform führte und öffnete die erste Kammer.
Das war... unmöglich. Die freundlichen Augen seiner Mutter blickten sie an. Sie war im selben Alter wie damals, als er sie zuletzt war. Pures Glück erfüllte Arthurs Herz. Schnell öffnete er auch die zweite Kammer und sah seinen Vater vor sich. Das war doch... unmöglich. Zu schön um wahr zu sein.
“Mama? Papa?”, stieß Arthur kindlich hervor. Tränen kullerten seine Wangen hinunter. In dem Moment in dem die erste Träne auf den Boden fiel, geschah etwas für Arthur Unerwartetes. Zwei Schatten drangen aus den Körpern seiner Eltern. Ein gequältes Geräusch schien aus ihnen zu kommen und auf schnellstem Wege verließen sie den Lichtkegel und verschwanden in den dunklen Tiefen.
Arthur war erschüttert. Was waren das für Schatten? Was hatten sie mit seinen Eltern getan? Dunkel erinnerte er sich an die Worte der AKN Seite.
Noch einmal entfleuchte ein leises “Ma..ma?” Arthurs Lippen. Keine Reaktion.
Sein Vater war es, der den Mund als erster öffnete. Monoton, fast mechanisch, klang dessen Stimme. “Seid gegrüßt. Ich stehe zu Diensten, Meister.” Die Freudentränen in Arthus Augen wurden zu Tränen des Schmerzes und der Enttäuschung, als auch seine Mutter denselben Satz wiederholte. Ihre Stimme hörte sich noch kälter und abweisender an, als Arthur es sich vorstellen konnte. “Seid gegrüßt. Ich stehe zu Diensten, Meister.” Es traf Arthur so hart, dass er einige Minuten brauchte, um sich zu fangen. Seine Eltern bewegten sich in dieser Zeit kein Stück. Kein Wort kam über ihre Lippen, keine Emotionen waren in ihrem Gesicht zu erkennen.
Und es wurde Arthur schlagartig klar, was er zuvor nicht wahr haben wollte: Nein, dies waren nicht seine Eltern. Es waren leere Hüllen in ihrer Gestalt. Ein trauriger Rest zweier menschlicher Leben, doch kein echtes Leben war mehr vorhanden. Seine Gedanken schweiften umher, bis ihm die Schatten in den Sinn kamen. Was waren sie? Was hatten sie getan? Hatten die Schatten ihm seine Eltern genommen? Hatte er sie ein zweites mal verloren? Nein! Das durfte nicht wahr sein, das konnte nicht wahr sein. Zu gequält waren sie dem Lichtkegel entronnen. Die Schatten mussten in den Körpern seiner Eltern gewesen sein... ihre Seelen?
Arthur hatte alles verloren.
Hoffnung, Liebe, Lebensmut. Er fühlte sich leerer und einsamer denn je.
An der Wand stand ein Waffenschrank. Bedächtig schritt Arthur auf diesen zu und griff zu einer Pistole. Er würde dem Ganzen ein Ende machen. Jetzt. Hier.
Ein neuer Wille keimte in ihm auf. Wille... Willenskraft.. Willenslosigkeit. Das war es!
Die Schatten mussten die Seelen, die Individualität, der Wille seiner Eltern gewesen sein. Der Wiederbelebungsprozess war unvollständig, ja fehlerbehaftet. Die Seelen konnten nicht in den Körpern gehalten werden, es entstanden quasi tote Wesen, ohne jegliche eigene Kontrolle über sich, ohne eigenen Willen.
Die gequälten Seelen mussten ruhelos durch den Ozean irren. Voller Pein, voller Trauer. In einer unwürdigen Form der Existenz. Wie konnte Arthur seinen Eltern Ruhe geben? Wie konnte er sie erlösen?
Schlagartig wurde ihm klar, dass Selbstmord sicher kein Weg war. So bewegte sich gar nichts. Auch bemerkte Arthur, dass all sein Handeln eigentlich nicht hätte unbemerkt bleiben können. Sein Blick fiel auf das Lifttransportsystem der Basis. Wenn die Häuser unbewohnt waren, konnte er durch geschickte Routen möglicherweise zurück zum Frachtschiff gelangen und so einer Entdeckung entgehen. Vielleicht würde er zurück nach Atlantis finden. Arthur stürmte zum Lift und betätigte gerade den Starthebel, als die Sicherheitsluken des Labors aufgingen. In diesem Moment transportierte ihn der Lift in ein kleines leeres Wohnhaus, in der Nähe des Hafens.
Arthur sah nicht mehr, wie ein häßlich verkrüppelter Mutant den Raum betrat. Trotz seines vernarbten Gesichtes hätte ein aufmerksamer Beobachter ein verschmitztes Lächeln in dessen Mundwinkeln ausmachen können.
“Kommt mit”, befahl der Mutant den menschlichen Hüllen von Arthurs Eltern und verschwand mit ihnen in den geschützten Komplexen des Labors.
Einige Wochen später in Atlantis... Kallisti inspizierte gerade die Hafenbefestigungen, als ein kleines Tauchbot auf ihn zusteuerte. Verwunderte neigte er seinen Kopf zur Seite und betrachtete das kleine Gefährt. Seine Wachen waren angespannt und bereit zum Kampfe, gewappnet allen Gefahren. Kallisti jedoch schien völlig gelassen.
Dies änderte sich selbst dann nicht, als die Luke des Bootes aufsprang und eine mitgenommene, dunkle Gestalt heraustorkelte, um schließlich auf dem Steg zusammenzubrechen.
“Bringt ihn ins Krankenhaus!” befahl Kallisti und murmelte leise: “Hallo mein lieber Arthur, da bist du ja endlich.”
Einige Stunden später öffnete sich die Tür von Arthurs Krankenzimmer, während dieser noch schlief. Vier eindrucksvoll gekleidete Leibwachen bildeten Kallistis Eskorte und sorgten dafür, dass Arthur erwachte.
Er sah wieder besser aus, fühlte sich jedoch sichtlich unwohl und war noch immer sehr erschöpft. “I..ich muss mit Euch allein sprechen”, stammelte Arthur Kallisti entgegen. Einen Blick der Leibgardisten und ein kurzes Nicken von Kallisti später, verließen die Wachen den Raum.
“Was gibt es Arthur?” fragte Kallisti ruhig. Arthur berichtete ihm nervös von den Geschehenissen in der Mutantenbasis. Tränen standen ihm in den Augen, als die Erzählung zu seinen Eltern kam. Kallisti zeigte eine mitfühlende Mine und lauschte stillschweigend.
“...und schließlich kam ich dann hier im Hafen von Atlantis an”, sagte Arthur. “Soso... dafür brauchen die Mutanten die Rohstoffe. Diese Technologie ist ein Frevel an der Menschheit. Wir werden das Vergehen rächen! Doch der Tag ist noch nicht gekommen. Wir brauchen mehr Zeit zur Vorbereitung und vor allem mehr Informationen”, entgegenete ihm Kallisti und fragte daraufhin: “Möchtest du weiterin in Atlantis bleiben Arthur? Ich werde dich dann wissen lassen, wenn es Neuigkeiten gibt.” Arthur musste nicht lang überlegen. Hier schien er Verbündete zu haben, hier war er nicht allein in seinem Kampf: “Gern.”.
Mit froher Miene stand Kallisti auf und wandte sich zur Tür. Er blickte noch einmal zu Arthur über die Schulter und sagte: “Achja, da ist noch jemand, der dich gern sprechen möchte.” Arthur blickte verwundert drein und sah wenige Momente später Admiral von Rüden sein Zimmer betreten.
“Hallo Arthur, schön dich wiederzusehen”, sagte der Admiral und die beiden unterhielten sich einige Stunden über die Vorkommnisse. Arthur verschwieg dem Admiral, dem er vollends vertraute keinerlei Details und zusammen entwarfen die beiden in den nächsten Wochen Pläne für einen Krieg gegen die Mutanten und für ein Auslöschen der Schatten auf alle Zeit.
Eines Tages hatte Arthur eine Einladung erhalten, in den Palastgarten zu kommen. Er zerbrach sich den Kopf darüber von wem genau sie stammen könnte, denn sie roch nach weiblichem Parfum und war mit “deine Stella” unterschrieben. Jedoch hatte er noch nie etwas von einer Stella gehört. Arthur streifte gerade wartend an der verabredeten Stelle umher, als er aus einem der Fenster Stimmen vernahm. War das nicht Kallisti? Die Stimme dessen Gesprächspartners klang stark verzerrt. Arthur empfand sie als abartig und beängstigend. Aber er fühlte, dass die Worte, die diese Person sprach wahr waren.
Doch auch er erkannte die Stimme wieder... Das war Maxitech, der Anführer der Mutantenkoalition. Er hatte Reden von ihm im AKN gefunden. Was tat der hier? Hatte Kallisti gelogen? War er weit tiefer in die Mutantenkoalition verstrickt, als ihnen nur Rohstoffe zu liefern? Stärkere Furcht überkam Arthur mit jedem Wort, das er vernahm. Und ein wahnsinniger Hass kam in ihm auf. Sie alle hatten ihn betrogen. Doch er hielt sich zurück und belauschte das Gespräch.
Laut und deutlich hörte er Kallisti sagen: “Wie mir zu Ohren kam verlaufen die Experimte erfolgreich?” Schauderlich klang die Antwort: “Jaarr, wir konnten die Fehlerrr größtenteils beseitigen. Die untoten Wesen unterrrstehen unsererrr vollen Kontrrolle.” “Was ist mit dem entstehenden ‘Abfall’?” “Da gibt es die grrößten Forrrtschritte. Wirr haben es vollbracht die Schatten zu kontrrrollieren. Sie folgen unserrem Befehl.” “Das Fehlexperiment ist also endlich bereinigt. Gilt das auch für die alten Schatten?” “Nein, es warrr lediglich eine Modifikation in derr Generierrung nötig. Die alten Schatten werrrden wohl fürrr immer durch die Meere irren, vollerrr Zorn und Gewalt. Doch diesen Zorn können wir bei den neuen Schatten fürrr uns nutzen. Die totale Herrrrschaft der Meere auf immer wird unser sein!” “Gute Nachrichten. Wie schaut es mit den Einkäufen aus? Bleibt euer Bedarf konstant?” “Nein... wirrr brauchen mehrrrrr, viel mehrrrrr.” “Ich fürchte das wird sich auf die Preise auswirken, seid Ihr dennoch bereit, das einzugehen?” “Jaarrr, es muss sein. Wir zahlen jeden Prrrreis.” “Ich werde alles nötige veranlassen.” “Habt Dank werrrter Verbündeterrr, unserrrre Loyalität ist Euch gewiss”. “Ich weiss”, sagte Kallisti leise: “Lebt wohl, wir sehen uns dann zum nächsten geplanten Treffen.” “Jaarr, lebt wohl mein Frrreund.”
Schritte schwerer Stiefel drangen durch das Fenster und bewegten Arthur zur schnellen Flucht, um nicht gesehen zu werden. So bemerkte er abermals nicht das verschmitzte Lächeln über seine Anwesenheit in den Mundwinkeln Kallistis.
Auf schnellstem Wege stürmte Arthur zu Admiral von Rüden und berichtete hastig in wenigen Sätzen, was er gehört hatte. “Wir müssen sofort handeln”, sagte der Admiral. Sie machten sich schnellstens auf den Weg zu dem scheinbaren Flaggschiff des Goldenen Apfelkorps, das damals das deutsche U-Boot geborgen hatte. Es waren keine Wachen dort, denn die Besatzung bereitete das Schiff für eine neue Mission vor und war selbst kampferprobt und erfahren genug. Der Admiral stieg auf einen Podest und seine laute, raue Stimme schallte durch den Hafen:
“Freie Bürger von Atlantis!
Wie wir soeben erfuhren, betreibt euer Herrscher regen Handel mit der Mutantenkoalition. Dies sollte jedem aufgefallen sein. Jeodch nicht folgender Zusammenhang. Ihr kennt die Schatten in den Meeren. Ihr kennt ihre verheerende Wirkung. Ihr kennt ihre Mordlust.
Wir jedoch kennen nun den Grund ihrer Entstehung! Sie sind das Abfallprodukt grausamer Experimente der Mutanten zur Wiederbelebung toter Menschen! Doch werden diese nur zu willenlosen untoten Hüllen, ihre Seelen entschwinden als Schatten!
Wir haben die Technologie, wir haben die Informationen, wir haben die Hoffnung! Erlösen wir diese Wesen, vernichten wir die Mutanten!
Auf in einen Kampf des Lichtes, oh freier Bürger von Atlantis. Lasst uns aufbrechen und Errettung und Erlösung der Menscheit laut in die Ozeane schreien. Wir leben! Wir kämpfen! Wir sind die Söhne des Lichts und vertreiben die Schatten!!”
Diese Rede war mitreißend. Keiner zweifelte an den Worten und sofort bereitete man den Aufbruch vor, als ein lauter Schuss das rege Treiben durchbrach. Der Admiral fiel blutüberströmt zu Boden. Wie angewurzelt blickte Arthur ihn an, bis ihn jemand an Bord des Schiffes zerrte. Die Crew brach schleunigst auf. Sie waren sich nun sicher, dass sie das richtige taten.
Arthur würde einmal ihr neuer Führer werden. Die Söhne des Licht waren geboren, bereit für einen erbitterten Kampf mit den Mutanten.
Bedächtig schritt Kallisti durch seinen Palastsaal. “Das vorgegebene Schicksal nimmt also seinen Lauf, eine neue Macht ist entstanden”, sagte er zu sich selbst. Auf seinem Bildschirm erschienen Bilder einer Forschungseinrichtung, ähnlich der, die Arthur in der Mutantenbasis gesehen hatte. Doch diese war größer und die eigentliche Forschung war hier nicht die Reanimation toter Menschen.
“Professor Trezki, machen Sie Fortschritte?” fragte Kallisti über die Videokommunikationsanlage den leitenden Professor. “Aber ja, oh mein Herrscher. Wir sind nicht mehr weit von der Übernahme und Manipulation der Schatten entfernt. Die untoten Menschen zu übernehmen ist ein leichtes, wenn sie sich erst mit unserem Virus infiziert haben. Betreffend der Schatten werden wir unsere Technologie aber noch weiter perfektionieren.” Zufrieden setzte sich Kallisti auf seinen Thron: “Sehr, sehr gut. Denken Sie daran, weiterhin gilt höchste Geheimhaltungsstufe! Wir sprechen uns später.”
Das Bild wurde schwarz, Stille.
“Alles verläuft nach Plan”, sprach Kallisti langsam, als ein Klopfen an der Tür erklang: “Ah, Admiral von Rüden, trete ein, alter Freund. Wir haben einiges zu besprechen. Ich bin sehr zufrieden.”
Story von Kallisti — 2005/09/16 14:20